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[Perspektive Portugal] Karneval war schon immer Politik

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[TD="align: center"]Proteste.jpg[/TD]
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[TD="class: tr-caption, align: center"]1890: Aus Protesten nach einer historischen
Niederlage entwickelten sich karnevaleske Umzüge
der damals entstandenen Standes- und Berufsverbände
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Nicht erst, seit die Regierung zu Beginn des Monats eine Dieser Link ist leider nicht mehr erreichbar für Beamte verhängte, nahm der Streit um Stellenwert und Sinn des bunten Treibens teils anarchische Züge an, wenn viele Kommunen ihren Mitarbeitern dennoch frei geben und damit die von der Verfassung abgesicherte Dominanz der kommunalen Verwaltung über die zentralstaatliche Weisungsgewalt stellen.

Die Wurzeln des Karneval in Portugal haben viel weniger mit Getöse, Gaukelei und Gaudi zur Winterauskehr zu tun, als mit Politik, Widerstand und Protest
gegen Abhängigkeit vom Vorgehen anderer Länder, dessen Auswirkungen Portugal als Bedrohung der nationalen Souveränität ansah. Die koloniale Vergangenheit Portugals begründete einst die karnevalesken Umzüge und viele Bräuche.
Europa im Jahr 1890: Die Herrscherhäuser haben Afrika erobert, unter sich aufgeteilt und kolonialisiert. Doch sind auf dem schwarzen Kontinent noch immer weite Gebiete unerforscht, auch wenn sie formal als Kolonialbesitz des einen oder anderen Staates gelten.

Portugal beherrscht Angola und Mosambik. Beide Länder grenzen an Ozeane, eines liegt am Atlantik, das andere am Pazifik. Zwischen den Grenzen im Landesinneren lag ein breiter Streifen unerschlossenen Landes, das sich noch keine Nation angeeignet hatte. Die portugiesischen Kolonialherren beschlossen, das Territorium ihrem Hoheitsgebiet einzuverleiben, um mit diesem breiten Korridor die Kolonien Angola und Mosambik miteinander zu verbinden. Kartographen zeichneten eine Landkarte mit dem neuen Gebilde. Die gesamte von Portugal beanspruchte Zone wurde rosa koloriert. Der Maler Carlos Reis hat 1903 die berühmt gewordene mapa cor-de-rosa als Glorifizierung des Imperiums in Öl gemalt. Die Darstellung eines afrikanischen Traums hängt heute im Lissabonner Museu Militar.

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[TD="align: center"]mapa+cor+de+rosa.jpg[/TD]
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[TD="class: tr-caption, align: center"]Die mapa cor-de-rosa:
Kolonialer Kriegsgrund nach
nationaler Demütigung[/TD]
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Die britischen Kolonialisten missbilligten die portugiesischen Pläne, denn nebenan in der damaligen britischen Kolonie Rhodesien besaß Staatsgründer Cecil Rhodes seit 1888 eine Konzession zur Ausbeutung von Erzvorkommen in dem besagten Gebiet; die britische Krone wollte die lukrative Erde für sich alleine haben. Gegen portugiesische und auch gegen Ansprüche aus den damaligen deutschen Kolonien im Süden Afrikas erklärte England den Landstrich zum Protektorat und stellte ein Ultimatum: Sollte Portugal die mapa cor-de-rosa durchsetzen wollen, sähe England das als Kriegserklärung an.
Die portugiesische Krone gab nach. Dieser Rückzug, nach Einschätzung des Historikers Rui Ramos „das spektakulärste Desaster der portugiesischen Diplomatie“, wird in vielen Quellen mit „offensichtlicher militärischer Unterlegenheit gegenüber den Engländern“ begründet.

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[TD="class: tr-caption, align: center"]Henrique Lopes de Mendonça[/TD]
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Im Mutterland der rosigen Landkartenträume reagierte das Volk entrüstet. Wut auf König D.Carlos I. und die Minister der Krone legte sich über das Land und mischte sich mit einer Art Nationaltrauer. Henrique Lopes de Mendonça, Marineoffizier, später Direktor der Akademie der Wissenschaften und Gründer des Schriftsteller-Verbandes, schrieb 1890 ein Protestlied gegen die Monarchie und gegen England.
Darin heißt es: „An die Waffen, fürs Vaterland kämpfen, gegen die Kanonen marschieren, marschieren“.
Das Lied ist seit 1911 die Nationalhymne Portugals. Die Niederlage in dem Gebietsstreit ist bis zum heutigen Tag der Urgrund für manch abfällige Äußerung gegen Engländer in Portugal.


Damals brach eine nie gekannte Welle des Patriotismus aus: Portugal formierte sich und legte kollektiv Bekenntnis ab: Rasch entstanden Freizeitvereine, Verbände
von Handwerkern, Händlern, Künstlern, diese Jahre waren auch die Geburtsstunden der Freiwilligen Feuerwehr. Richter, Angehörige des Klerus, Stadtverordnete, Eisenbahn-Angestellte, Militärs, Fabrikarbeiter, Journalisten und Lehrer – alle gründeten Standesorganisationen und traten bei zahlreichen Manifestationen mit Vereinsfahne oder -Emblem auf. Andere waren an ihrer jeweiligen Berufskleidung zu erkennen oder führten allegorisch geschmückte Wagen. So zogen sie durch Straßen, vereinten sich zu Volksfesten. Neben der organisierten Präsenz bildeten sich auch anarchistische Formen der Meinungsbekundung.

Der Gegenpol der patriotischen Demonstrationen von 1890 war, was die Reiseschriftstellerin Maria de Rattazzi in ihrer ironischen Schilderung der portugiesischen Oberschicht "Portugal a vol d´oiseaux" ("Portugal aus der Vogelperspektive") als „die einzig wirklich nationale Demonstration“ bezeichnete: „Der Karneval“. Das Treiben befremdete die Öffentlichkeit, es war ohne Ordnung, anarchistisch, vulgär.

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[TD="align: center"]Porto+1890.jpg[/TD]
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[TD="class: tr-caption, align: center"]Männer in Frauenkleidern:[/TD]
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[TD="align: center"]Porto+2.jpg[/TD]
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[TD="class: tr-caption, align: center"]Anarchie und Unmoral[/TD]
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Der Karneval zeigte das Volk „pervers und gewalttätig“, eben so, wie es Monarchisten und Republikaner gleichermaßen verabscheuten. Wer sich an scheinbar unumstößliche Maximen hielt, sich so benahm, „wie er erzogen war“, musste im Karneval mitansehen, wie Männer sich als Frauen kleideten und sich auch sonst eher obszön verhielten.
In Lissabon kam es soweit, dass Stadtsoldaten vor Karnevalisten in die Carmo-Kaserne flüchten mussten. Chronisten schrieben entsetzt, es habe „kaum einen Bürger in der Baixa gegeben, dessen Hut am Ende des Tages nicht verbeult gewesen wäre“. Zwar habe es auch bei den Umzügen der Patrioten immer ein paar Durchgeknallte und Provokateure gegeben, im Karneval aber „hatten sie Narrenfreiheit und schienen ganz und gar nicht schüchtern“.

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[TD="align: center"]Karneval+1.jpg[/TD]
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[TD="class: tr-caption, align: center"]Der Karikaturist Rafael Bordalo
Pinheiro zeichnete, wie sich das
Land von England behandelt fühlte[/TD]
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Und sie siegten über die Gemäßigten: Der Dichter Abílio Guerra Junqueiro hatte nämlich vorgeschlagen, „statt Tagen voller Spott und Farce, Heiterkeit und Ungezwungenheit“, drei Tage in „Sack und Asche“ zu gehen und „Europa ein Volk zeigen, das beleidigt und vergewaltigt in seinen Rechten, sich in seinem Schmerz und Stolz vereinigt, während der übrige Kontinent sich im Reiche von Ulk und Hohn versammelt“. Rasch geplante, formal organisierte Historien-Märsche scheiterten an der Bürokratie, während das Volk spontan feierte.
So beherrschte auch am Karnevalsdienstag nach dem schmachvollen Rückzug hinter Englands Forderungen Jubel, Trubel und Heiterkeit – teils brachial – Portugals Straßen. Allein in Lissabons Unterstadt kamen über dreißig Personen ins Hospital.
Auf den Flaniermeilen des Bürgertums gab es gesittete Umzüge mit Fantasiefiguren und -kostümen. Von geschmückten Wagen wurden Bonbons in die Menge geworfen.

Der Kehraus folgte am Aschermittwoch: Das Volk zog zum städtischen Gerichtsgebäude, wo die besonders Übermütigen vom Vortag dem Richter vorgeführt wurden. Mit ihren lädierten Masken wurden sie zum traurigen Ziel der Spötter.
BILDER: Archiv Museu da Presidência da RepúblicaDieser Link ist leider nicht mehr erreichbar

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